Impfungen – Ein Interview mit Katrin Liem, Allgemeinärztin, Schwerpunkt Reisemedizin

Das Thema “Impfungen” ist unter Müttern ein gern diskutiertes Thema. Impfen – ja oder nein? Wenn ja, Windpocken und Rotavieren auch? Welche Impfungen sind bei Fernreisen sinnvoll? Es gibt viele Meinungen hierzu. Wir wollen Euch heute mit einer Expertin dazu bekannt machen, Dr. Katrin Liem, die als Allgemeinärztin das Thema “Reisemedizin” als eines ihrer Schwerpunkte hat.

Interview mit der Allgemeinärztin Katrin Liem

Welche Impfungen empfehlen Sie für Babies/Kleinkinder? 

Ich persönlich empfehle alle von der STIKO (=ständige Impfkomission) empfohlenen Impfungen. Das heißt die Impfungen gegen Tetanus, Diphtherie, Keuchhusten, Hämophilus Influenza, Polio sowie gegen Pneumokokken. Die ersten fünf genannten Impfstoffe gibt es als Kombiniationsimpfstoff, eventuell auch noch in Kombination mit Hepatitis B, die Impfung gegen Pneumokokken (= Lungenentzündung) erfolgt separat. Beide Impfungen können ab dem 3. Lebensmonat begonnen werden (meist mit der U3) und müssen mehrmals aufgefrischt werden.
Inzwischen gibt es auch eine Schluckimpfung gegen Rotaviren, das sind Viren, die sehr bedrohliche Durchfallerkrankungen verursachen können, diese wird bereits mit 6 Wochen das erste Mal gegeben.
Nach dem ersten Geburtstag ist die Impfung gegen Masern, Mumps und Röteln zu empfehlen, eventuell auch in Kombination mit der Impfung gegen Windpocken.

Zusätzlich empfehle ich noch die Impfung gegen Meningokokken, die Erreger der bakteriellen Gehirnhautentzündung, auch diese ist erst ab einem Jahr möglich.

Wie oft kommen Nebenwirkungen vor und wenn, was kann man als Elternteil/Betroffener tun? Wann wird es “brenzlig”?

In der Regel werden die Impfungen von den Babies und Kleinkindern gut vertragen. Am häufigsten sehen wir als Impfreaktion eine leicht erhöhte  Temperatur (bis etwa 38° Celsius) oder dass das Kind ein wenig „unleidig“ am Impftag ist. In der Regel treten treten diese Beschwerden innerhalb der ersten 24h nach der Impfung auf und verschwinden dann von selbst. Notfalls kann man dem Kind ein wenig Paracetamol oder Ibuprofen geben, wenn die Temperatur stärker ansteigt. Bei länger andauerndem Fieber sollte man den impfenden Arzt kontaktieren.
Häufig entsteht an der Einstichstelle eine begrenzte Rötung, die manchmal auch leicht überwärmt sein kann. Diese kann man dann  etwas kühlen.
Nach der MMR-Impfung kann es in seltenen Fällen nach ca 5-14 Tagen zu leichtem Fieber und einem Hautausschlag kommen, dies ist jedoch nicht ansteckend für andere.

Was halten Sie von der Grippe-Impfung? Für Kinder, Erwachsene, Schwangere, ältere Menschen?

Prinzipiell halte ich die Grippeimpfung für sinnvoll. Je mehr Menschen gegen Grippe geimpft werden desto geringer ist die Gefahr, dass sich das Grippevirus im Rahmen einer großen Epidemie ausbreiten kann. In erster Linie sollten chronisch kranke Menschen geimpft werden, allerdings ist die Impfung für jeden Menschen, der viel Kontakt mit anderen Menschen hat, zu empfehlen. Die Grippeimpfung ist bereits ab 6 Monaten zugelassen. Es gibt inzwischen auch einen Impfstoff, der wie ein Nasenspray angewandt wird, was bei Kindern eine Spritze vermeidet. Allerdings wird dieser Impfstoff nicht von allen Krankenkassen übernommen. Ob man nun als Eltern sein Kind gegen Grippe impfen lassen möchte, hängt natürlich von einigen Faktoren ab. Zu empfehlen wäre es natürlich bei einem chronisch kranken Kind. Auch  gibt es eine klare Impfempfehlung für schwangere Frauen, da man in den letzten Jahren gesehen hat, dass Schwangere und auch das ungeborene Kind durch eine Grippeninfektion besonders gefährdet sind.

Zu welchen Impfungen raten Sie Familien, die Urlaub im asiatischen Raum machen? Sind Tollwut/Hepatitis A/B notwendig? Wenn ja, wie verträglich sind sie?

Bei einer Reise in den asiatischen Raum wäre prinzipiell die Impfung gegen Hepatitis A zu empfehlen. Und falls noch nicht geschehen, auch eventuell gegen Hepatitis B, da beide Erreger im asiatischen Raum deutlich häufiger vorkommen als bei uns. Das Hepatitis A – Virus wird leicht von Mensch zu Mensch und teils auch über verunreinigte Nahrungsmittel übertragen, deshalb wäre hier eine Impfung sehr sinnvoll. Der Impfstoff hier ist ab einem Jahr zugelassen. Diese Impfung wird in der Regel gut vertragen.
Die Impfung gegen Tollwut ist bei längendauerndem Aufenthalt in Gebieten, in denen Tollwut vorkommt, zu empfehlen. Die Verträglichkeit ist hier manchmal ein wenig schlechter, oft wird über Kopfschmerzen nach der Impfung geklagt.

Welche Impfungen sind sinnvoll, wenn man in afrikanische Länder reisen möchte?

Bei der Reise in afrikanische Länder gelten ähnliche Empfehlungen: Hepatitis A und B sollten geimpft sein, zusätzlich sollte ein Impfschutz gegen Masern bestehen, da diese in den afrikanischen Ländern noch deutlich häufiger vorkommen. Außerdem sollte eine Impfung gegen Meningitis erfolgen. In bestimmten afrikanischen Ländern ist zudem noch eine Impfung gegen Gelbfieber erforderlich, diese kann jedoch erst nach dem ersten Lebensjahr, und auch nur von bestimmten dazu ermächtigten Stellen, geimpft werden.

Wann ist Malaria-Prophylaxe sinnvoll?

Bei Reisen mit Kindern in Gebiete, in denen es ein hohes Malariarisiko gibt (z.B. bestimmte Regionen in SO-Asien, Zentralafrika, Südamerika) ist eine Malariaprophylaxe dringend zu empfehlen. Diese erfolgt mit unterschiedlichen Medikamenten, welche alle erst ab einem bestimmten Alter oder einem bestimmten Gewicht zugelassen sind. Die Notwendigkeit der Einnahme sollte in einer reisemedizinischen Beratung besprochen werden. Zusätzlich sollten immer auch nichtmedikamentöse Maßnahmen wie konsequenter Mückenschutz, eigene Moskitonetze etc. erfolgen, um möglichst gar keine Mückenstiche zu bekommen. Denn leider übertragen die Mücken ja auch andere Krankheiten als Malaria.

Was denken Sie über “Impf-Gegner”?

Aus meiner Sicht gibt es mehr Gründe, die für das Impfen sprechen als dagegen. Prinzipiell gibt es bei uns keine Pflicht zu impfen. Insofern bleibt es letztlich die Entscheidung der Eltern, ob und wie das Kind geimpft wird. Ich sehe meine Aufgabe darin, die Eltern (und auch die erwachsenen Patienten) gut zu beraten und Vor- und Nachteile zu diskutieren. Natürlich gibt es viele Eltern, die kritisch gegenüber Impfungen sind. Auch da versuche ich, auf mögliche Spätfolgen einer durchgemachten Erkrankung (z.B. bei Masern) hinzuweisen. Aber letztlich bleibt es dann die Entscheidung der Eltern.

 About

Katrin Liem ist Fachärztin für Allgemeinmedizin mit eigener Praxis in München (Landshuter Allee 43 oder www.hausarztpraxis-liem.de). Ein Schwerpunkt der  familienmedizinisch orientierten Praxis ist die Reisemedizin. Sie ist Mutter von 2 Kindern (10 und 7 Jahre alt). Außerdem ist sie hausärztlich beratend mit regelmäßigen Radiointerviews für Bayern 1 tätig.
Dieser Artikel ist Teil unserer Serie “Gesund und fit durch das Jahr”. Seht Euch doch auch unsere anderen Beiträge an, zum einen ein Interview mit einer Ernährungswissenschaftlerin, zum anderen Tipps für einen gesunden Alltag.

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2 comments

  1. Ein Kommentar zum viel diskutierten Alu-Träger der Impfstoffe: Ich habe diesbezüglich unseren Kinderarzt gefragt und das Kind kriegt weniger Alu ab, als wenn es ein in Alufolie verpacktes Sandwich isst.
    Ich finde es sehr kritisch, Kinder nicht zu impfen. Die Eltern, die ihre Kinder nicht impfen, profitieren vom Herdenschutz der anderen. Das ist natürlich bequem – aber unfair gegenüber den Kindern, die aus gesundheitlichen Gründen nicht geimpft werden können.

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