Corona verschont nicht einmal mehr die Toten

Zur Beerdigung meines Vaters wären sicherlich 100 Menschen gekommen. Oder 200. Meine Familie ist bekannt im Ort, seit 36 Jahren dort zuhause, aktiv im Fußballverein, in der Kirche, meine Mutter zudem als langjährige Grundschullehrerin so etwas wie die Erziehungsbeauftragte der halben Generation Z hier im Kölner Westen.
Stattdessen standen wir gestern zu viert vor der Urne. Mein Bruder, meine Schwester und meine Mutter. Dazu die Bestatterin im Hintergrund, der Kaplan mit Sicherheitsabstand, der mehr Social Distancing als Respekt ausdrückte. In den Tagen zuvor hatten wir lange diskutiert, ob wir meinen Vater überhaupt beerdigen dürften: Natürlich gibt es für Trauerfeiern Ausnahmen im Corona-Kontaktverbot. Aber ist es vertretbar, auf diese Art Menschen zusammen zu bringen, die sich anstecken könnten?

Der Trauer Raum geben – in Zeiten von Corona ist diese Floskel fast ein Hohn

Unsere Oma (99) und die beiden Geschwister unseres Vaters (70+) hatten wir notgedrungen ausgeladen. Mein Onkel feierte daraufhin gestern, 200 km entfernt, in einem Wald in Westfalen, eine private Abschiedszeremonie für seinen toten Bruder. Nur er für sich allein. Und die Schwester meines Vaters saß zum Zeitpunkt der Feier alleine in der Kirche in ihrem Berliner Kiez.
Auf den Trauerkarten hatten wir den Termin der Beisetzung ausdrücklich verschwiegen und auf eine Todesanzeige in der Lokalzeitung ohnehin verzichtet. Aus Sorge um die eher Älteren, die gekommen wären und sich eventuell in Gefahr begeben hätten. Denn was wäre das für eine Beerdigung geworden, bei der man sich bei jedem Husten eines Gastes unwohl fühlt? Bei der man sich nicht umarmen oder die Hände schütteln kann, sondern bei der wo unbeholfen auf Distanz kondoliert wird? Bei der das Thema Tod noch in einer ganz anderen Dimension über allen schwebt…

Das Virus macht etwas mit uns – auch in der Deutschen Bahn

Für mich hat Corona die Trauerzeit noch aus einem anderem Grund erschwert. Ich lebe in München, 612 km von meinem Elternhaus entfernt. Früher (kann man die Zeit vor Corona schon so nennen?) war das im zumeist pünktlichen ICE eine sehr entspannte Fünf-Stunden-Reise. Gut, der Zug war manchmal voll und meistens überbucht, aber mit Headset, Thermoskannen-Kaffee und WLAN ließ es sich aushalten.

Mein Vater starb im Alter von 76 Jahren am 13. März 2020. Das war der Tag, als Bayern erste massive Bewegungseinschränkungen verkündete und die Regierung ausdrücklich vor Zugfahrten warnte. Seitdem war ich dreimal in Köln, 30 Std. lang also in ICEs. Dazu in Regionalzügen und Bahnhofshallen. Ich wäre gerne mit meiner Frau gefahren, aber sie hatte und hat – uns das verstehe ich – zu viel Angst, sich unterwegs anzustecken. Wobei man objektiv sagen muss, das Social Distancing in der Bahn zur Zeit ein leichtes ist. Generell macht die Deutsche Bahn in Corona-Zeiten einen sehr guten Job. Allein die „Bleiben Sie gesund“-Anzeigen auf den Zugtüren haben etwas Mutmachendes.

Trotzdem macht das Virus etwas mit uns. Bei meiner ersten Fahrt gerieten zwei Fahrgäste in Streit, weil er es wagte, sich trotz ausreichend freier Plätze im Abteil neben sie zu setzen, da er dort ordnungsgemäß reserviert hatte (eben ein sehr deutscher Fahrgast).

Fast schon absurd: dass Corona sogar die Toten nicht verschont

Ich selbst bin alles andere als ein ängstlicher Mensch. Entsprechend geschmunzelt hatte ich anfangs noch, als meine Frau mir Desinfektionsspray mitgab, um den Tisch im ICE zu reinigen. Das war vor 14 Tagen. Gestern, bei meiner dritten Fahrt nach Köln, fühlte ich mich körperlich unwohl, als ich kurz fürchtete, es vergessen zu haben…

Ich bin weiterhin gesund, meine Familie ebenso. Aber Corona lässt eben keine Facette des Alltags unberührt. Heute kann ich sagen: Es ist viel besser, dass mein Vater an jenem Freitag, den 13., relativ schnell an seinem unheilbaren Krebsleiden gestorben ist. Gestorben ist, bevor uns die Pandemie einholte. Es hätte keinem geholfen, hätte er jetzt noch zwei Wochen im Siechtum auf einer Intensivstation gelegen. Ihm nicht, weil die Versorgung dieser Tage verständlicherweise nicht unbedingt besser ist. Uns nicht, weil wir ihn aus Sorge vor einer Corona-Übertragung wahrscheinlich gar nicht mehr hätten besuchen dürfen. Und – so makaber der Gedanke klingt – der Gesellschaft auch nicht: Denn die Intensivbetten brauchen jetzt die Covid19-Kranken.

Rational leuchtet mir das alles ein. Aber gestern, wo ich auf dem verwaisten Friedhof vor der Urne stand, machte es das nicht leichter. Fast schon absurd: dass Corona sogar die Toten nicht verschont.

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